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Interview mit dem Seiner Seligkeit Nerses Bedros XIX

Bedros Tarmouni Bedros Tarmouni (Patriarch Nerses Bedros XIX.), geboren am 17. Januar 1940 in Kairo (Ägypten). Abschluss des Päpstlichen Armenischen Kollegs und der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Priesterweihe am 15. August 1965 in Kairo, anschließend dort Pfarrer. Bischofsweihe am 18. Februar 1990, Bischof von Alexandria für Ägypten und den Sudan. Im Oktober 1999 wählte die Synode der Bischöfe der Armenischen Katholischen Kirche ihn zum Patriarch-Katholikos von Kilikien für die katholischen Armenier unter dem Namen Nerses Bedros XIX.

Bild: ecah.homestead.com/Patr.html

- Was für einen Eindruck haben Sie vom gegenwärtigen Zustand der Armenisch-Katholischen Kirche in der Ukraine?

Als ich in die Ukraine kam, habe ich natürlich gewusst, dass armenische Katholiken in diesem Land leben. Im letzten Jahrzehnt jedoch, oder um genauer zu sein, seit dem Zweiten Weltkrieg, hat kein Priester die Gemeinde leiten können. Daher wusste ich nicht genau, wo die Pfarreien existierten und wie viele Kirchen sie noch hatten. Während meines zehntägigen Aufenthaltes in der Ukraine hatte ich Gelegenheit, verschiedene Orte zu besuchen, insbesondere die ehemaligen Pfarreien der Armenischen Erzdiözese in Lemberg, die vor dem Krieg existierten.

Ich habe auch Gemeinden kennengelernt, die nicht zur Lemberger Erzdiözese gehört hatten, etwa in Chmelnytzkyi, Kamjanetz-Podilskyi, Czernowitz, wo die Kathedrale noch existiert, und Charkiw. Ich hatte Gelegenheit, diese Gemeinden zu besuchen, und ich bin froh zu wissen, dass sie existieren; manche von ihnen, etwa Lemberg und Chmelnytzkyi, sind bereits registriert worden. Die Registrierung der Gemeinde in Charkiw ist im Gange; zwei andere Gemeinden in Czernowitz und Kuty haben bereits alle Unterlagen vorbereitet. Ich bin sicher: sobald ein Priester dauerhaft hier arbeitet (ich hoffe, dass das bald der Fall sein wird), werden wir genau wissen, wie viele Armenische Katholiken in diesen und anderen Städten wohnen.

- Was können Sie uns über das Verhältnis zwischen Armenisch-Katholischer und Armenisch-Apostolischer Kirche sagen?

Der Katholikos aller Armenier der Apostolischen Kirche, Seine Heiligkeit Karekin II., und ich haben regelmäßigen Kontakt miteinander und unterhalten gute brüderliche Beziehungen. Im Februar dieses Jahres, als wir die Feierlichkeiten zum 1700jährigen Jubiläum der armenischen Kirche begannen, habe ich Katholikos Karekin II. eingeladen, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Der Katholikos delegierte Erzbischof Gergorios Gabroian von Paris, der persönlich an der feierlichen Liturgie im Petersdom in Anwesenheit des Papstes teilnahm. Noch früher, nämlich im November 2000, als Katholikos Karekin II. Rom besuchte, haben wir ihn und die Delegation der Armenisch-Apostolischen Kirche wärmstens und gastfreundlich im Armenisch-Katholischen Kolleg in Rom empfangen.

Im Gegenzug hatte Seine Heiligkeit Karekin II. mich eingeladen, an den Feierlichkeiten zum 1700sten Jubiläum der Taufe des Landes vom 21. bis 23. September 2001 in Armenien teilzunehmen. Zusammen mit Repräsentanten anderer Kirchen war ich offizieller Gast des Katholikos aller Armenier. Anschließend erhielt ich einen Dankesbrief für meine Teilnahme, auf den ich antwortete. Auf der offiziellen Ebene unterhalten wir also gute Beziehungen mit den Apostolischen Armeniern.

Wie Sie wissen, befindet sich in Lemberg eine historische Armenisch-Katholische Kathedrale. Da es keine Armenischen Katholiken gab, die in der Kathedrale Gottesdienst halten könnten, wurde sie durch die Stadtverwaltung den Apostolischen Armeniern übergeben mit der Maßgabe, dass beide Gemeinden sie nutzen könnten. Letzten Sonntag [4. November 2001], als ich in Lemberg ankam, hatte ich Gelegenheit, in der Kathedrale einen Gottesdienst zu halten; einen Gottesdienst zum Gedächtnis an den vorletzten Armenischen Erzbischof, Isak Isakowitsch, an dem auch ein Armenisch-Apostolischer Priester und ein Teil der Gemeinde teilnahmen.

Heute, gerade vor Ihrem Besuch, empfing ich den Pfarrer der Apostolischen Armenier in Lemberg, Vater Thaddaeus Georgian, und den Vizepräsidenten der Armenisch-Apostolischen Gemeinschaft in der Ukraine, Herrn Mykola Kocharian, die zu meiner Begrüßung gekommen waren. Das Treffen wurde sehr warm und herzlich. Ich glaube, dass unsere freundschaftlichen Beziehungen mit den Apostolischen Armeniern in Lemberg als gutes Beispiel für die Kommunikation mit anderen christlichen Gemeinschaften dienen können. Wir alle wollen um die Einheit der Christen beten, damit die Menschheit glaubt, dass Gott Seinen Sohn gesandt hat, um die Welt zu retten, wie wir es in der Heiligen Schrift lesen.

- Unterhalten die Apostolischen und Katholischen Armenier überall in der Welt so gute Beziehungen?

Im Ganzen gesehen ja. Natürlich darf man nicht vergessen, dass tatsächlich nicht alle Apostolischen Armenier auf der Welt unter der Jurisdiktion des Katholikos aller Armenier, Karekin II. von Etschmiadzin, stehen. Es gibt ein weiteres Katholikat, das sogenannte „Hohe Haus“ von Kilikien im Libanon, dessen Oberhaupt Aram I. ist. Man muß auch erwähnen, dass eine gewisse Zeit lang einige fanatische Gruppen im Zentrum der Aufmerksamkeit standen. Also gibt es geringere Probleme in manchen Regionen, aber sie sind wirklich zweitrangig.

- Glauben Sie, daß volle eucharistische Gemeinschaft zwischen der Armenisch-Apostolischen und der Katholischen Kirche möglich ist? Eine solche Möglichkeit wurde von den führenden Bischöfen der Antiochenischen Kirche in Betracht gezogen, die ebenfalls von einem Schisma betroffen waren. Eine ähnliche Idee wurde von der Studiengruppe “Kiewer Kirche” in Bezug auf die ukrainischen Orthodoxen und Katholischen Kirchen vorgeschlagen.

Die Idee einer vollen eucharistischen Gemeinschaft ist eine sehr interessante und eine sehr tiefgehende Frage, aber die Antiochenische Kirche hat diese Angelegenheit noch nicht lösen können. Nachdem die Synode das Problem lange erörtert hatte, entschied Patriarch Ignatius IV., daß eucharistische Gemeinschaft im Rahmen der gesamten Orthodoxen und Katholischen Kirche erreicht warden sollte, nicht bloß zwischen Ignatius IV. (Hazim), Patriarch von Antiochien der Griechisch-Orthodoxen, und Gregorios III. (Laham), Patriarch von Antiochien der Griechisch-Katholischen (Melkiten).

Es ist noch zu ergänzen, daß in der Praxis der theologische Dialog zwischen der Armenisch-Apostolischen und der Katholischen Kirche eher ein Dialoh zwischen den Apostolischen Armeniern und dem Vatikan ist, nicht direkt mit uns. Trotzdem sind wir natürlich daran interessiert, eine Vereinbarung zu erreichen und eine Gemeinschaft der Liebe zu schaffen.

Schließlich möchte ich Ihnen für Ihr Interesse an der Armenischen Kirche und dem Anliegen des Ökumenismus danken. Ich bin erfreut zu beobachten, daß Sie die Möglichkeit haben, diese Probleme als Theologen oder Theologiestudenten zu erforschen, und auch daß die Ukrainer das Recht haben, über den Stand der Dinge innerhalb der Kirche informiert zu werden.

(Das Interview wurde von Taras Hrynchyshyn, dem Forschungsleiter von RISU, am 8. November 2001, in den Räumen des Metropoliten bei der St.-Georgs-Kathedrale in Lemberg geführt. Vater Archimandrit Sergius Gajek, Apostolischer Visitator der Griechischen Katholiken in Weißrußland, der den Patriarchen auf seiner Reise begleitet hatte, nahm ebenfalls am Interview teil.)

Lesen Sie RISUs Artikel vom 12. November 2001 (engl), um mehr Informationen über den Besuch des Patriarchen Nerses-Bedros XIX. in der Ukraine zu erhalten.